Die Wahrheit ist…

Dieser Artikel ist bereits eineinhalb Jahre alt. Warum ich ihn gerade heute aus der Schublade krame? Ganz einfach. Gela Löhr, Chefredakteurin von Lemondays, DEM Onlinemagazin für die Frau ab 40, wird fünfzig Jahre alt und wünscht sich zu ihrem Geburtstag eine Blogparadenparty. Nichts leichter als das, liebe Gela. HAPPY BIRTHDAY!!! Ich bin sehr dankbar dafür, dich im letzten Jahr kennen gelernt zu haben und es macht mir großen Spaß, seither ein Teil des Magazins zu sein! Bleib´ so großartig wie du bist!

Ich erinnere mich gut an meinen eigenen Fünfzigsten. Daran, wie die Wochen und Monate zuvor waren, wie der Tag selbst sich anfühlte und welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Aber lies´selbst…

50 Jahre ICH

… Tag X ist vorüber, ich bin jetzt „Eine von ihnen“.  Unermüdlich versuchte ich in den letzten Monaten, emotionalen Frieden mit der Tatsache zu schließen, dass ich bald fünfzig Jahre alt sein werde. Das war nicht immer leicht, noch kein anderer der runden Geburtstage hatte mich so berührt wie dieser. Nun klebt sie an mir. Diese unfassbar unwirkliche Zahl. Gnadenlos. Fünfzig! Ein halbes Jahrhundert.

Wie geht es weiter

Natürlich genauso wie gestern, letzte Woche, letzten Monat. Ganz sicher aber nicht wie noch vor fünf Jahren…

Vor fünf Jahren war die Welt noch in Ordnung. Die Kniee trugen die gewohnte Belastung, Lesen ohne Brille gehörte zum Alltag. Meine Haut war „glatt“, die körperliche und seelische Entwicklung meiner Kinder eröffnete mir endlich Freiheiten, von denen ich lange Jahre geträumt hatte. In meiner Vorstellung war ich noch vor fünf Jahren die erste Frau in der Evolution der Menschheit, an der die Veränderungen der Wechseljahre vorbei ziehen würden. Ganz sicher!

Heute, fünf Jahre später, ist sonnenklar, dass ich mich geirrt hatte. Joggen wie ich es gewohnt war, führt zu dauerhaften Knieschmerzen, ohne Brille sehe ich selbst mein Frühstücksei nur noch undeutlich und der Uniabschluss meiner Tochter bzw. die bestandene Motorradprüfung meines Sohnes machen mich zwar unendlich stolz und glücklich, lassen mich aber auch spüren, dass meine wichtigste Aufgabe als Mutter erledigt ist. Sie schaffen es von nun an auch ohne mich. Von jetzt an schaffen sie das auch ohne mich.

Natürlich ist das toll! Wären da nicht diese Stimmungsschwankungen, Freude und Traurigkeit innerhalb eines Atemzuges, die körperlichen Grenzen, das Ding mit der Haut und die Tatsache, dass kurze Nächte nicht mehr ungestraft an mir vorbei ziehen.

Spontan denke ich an die neue, vielversprechende Zielgruppe der Fitnessstudios vor Jahren. „Fit 50+-Kurse“ schossen wie Pilze aus dem Boden, als man erkannte, dass auch die „Älteren“ zunehmend sportlicher sind. Die Teilnehmer dieser Kurse hatten die magische Grenze längst geknackt. Ich unterrichtete sie gern, dachte aber nicht im Traum daran, dass auch ich irgendwann zu dieser Zielgruppe gehören würde. Damals wünschten sich diese Frauen ausnahmslos diese zwei Dinge: dass

  • ich im Training keinen Unterschied zwischen ihnen und den jüngeren Teilnehmern machte und dass
  • die Kursbezeichnung nicht sofort auf ihr Alter hinwies.

Die Wahrheit ist

Damals konnte ich ihre Wünsche verstehen, die Wahrheit allerdings ist: Es gibt sie, die Unterschiede! Es kommt der Moment, an dem es im Sport weniger um Leistung, sondern viel mehr um Bewegung im Allgemeinen geht,  um den Erhalt der Beweglichkeit, um das grundsätzliche Wohlbefinden. Und das ist gut so! Wir haben es uns verdient, einen Gang zurück zu schalten – auch im Sport. Je eher wir das akzeptieren, desto eher können wir es geniessen, uns hin und wieder eine Pause zu gönnen, die Veränderungen des Wechsels einen Teil dieser Zeit sein zu lassen und Gelassenheit zu einer neuen Tugend werden zu lassen.

Fazit

Heute habe ich selbst die magische Grenze geknackt, aber

  • als ich morgens in den Spiegel schaute, sah ich noch genauso aus wie gestern.
  • keiner auf der Straße hat mir mein Dilemma angesehen und
  • die Bedienung im Frühstückscafé hat mich trotzdem geduzt.

Es geht also weiter wie gestern und letzte Woche. Ich bin auch heute voll Energie, ich liebe meine Arbeit.

Der Frage nach meinem Alter werde ich sicher noch eine Weile ausweichen, 49a, 49b…, an meiner Akzeptanz werde ich noch arbeiten müssen, aber ein anderer Teil in mir freut sich auf den Weg. Auf das, was kommen wird, auf die neuen Freiheiten, aber auch auf die neuen Herausforderungen. Jetzt geht´s noch einmal richtig los! Und das mit dem großen Unterschied, dass das Mittagsschläfchen seine Berechtigung hat und graue Haare weise machen.

Es sind unsere „besten Jahren“, machen wir also das Beste draus. Nutzen wir den Elan, bündeln die Energie und schlagen den Veränderungen ein Schnippchen – auf unsere ganz besondere Weise. Lassen wir gute Laune zu unserem ständigen Begleiter werden. Es lohnt sich!

Nachtrag: Eineinhalb Jahre später kann ich mein Alter noch immer nicht flüssig ausprechen, vermutlich deshalb, weil die Zahl „50“ einen Glaubenssatz in mir auslöst, den ich noch nicht transformiert habe. Somit passt die Zahl einfach nicht zu mir. Aber – und das habe ich in den letzten Monaten täglich erfahren – wir Frauen ab fünfzig sind anders, als noch unsere Mütter es waren. Wir sind cool, wir machen Dinge, die einfach unglaublich sind. Wir erschaffen uns noch einmal neu, nehmen Anlauf und wissen genau, wann es Zeit ist, abzubremsen, ohne uns dabei schlecht zu fühlen. Wir nehmen uns, was wir brauchen und vor allem nehmen wir Vieles nicht mehr so wichtig.

Liebe Gela, genieß´ deinen Tag, laß´ dich feiern und wir holen die geplante Feier einfach nach der Coronakrise nach.

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